Schmerzgedächtnis und Endometriose - Warum habe ich nach meiner OP immer noch Schmerzen?

Was ist das Schmerzgedächtnis und wie entsteht es?
Stell dir vor, du gehst jeden Tag denselben Weg durch eine Wiese. Anfangs ist das Gras noch hoch, doch je öfter du diesen Weg gehst, desto deutlicher wird ein Trampelpfad. Ganz ähnlich kannst du dir das Schmerzgedächtnis vorstellen. Wenn dein Körper über längere Zeit immer wieder Schmerzen erlebt, können sich die Nervenzellen, die Schmerzsignale verarbeiten, verändern. Sie reagieren zunehmend empfindlicher und können irgendwann schon bei Reizen Alarm schlagen, die früher nicht schmerzhaft waren. In der Medizin sprechen wir dabei unter anderem von zentraler Sensibilisierung. Besonders bei chronischen Erkrankungen wie Endometriose kann dieser Prozess eine Rolle spielen. Wichtig ist: Dein Schmerz ist real. Auch wenn bei einer Untersuchung keine neuen Endometrioseherde gefunden werden, bedeutet das nicht, dass du dir die Schmerzen einbildest. Das Nervensystem kann gelernt haben, Schmerzsignale besonders schnell und intensiv zu verarbeiten.
Warum das Schmerzgedächtnis auch mit unseren Gefühlen zusammenhängt
Schmerz entsteht nicht allein an der Stelle, an der wir ihn spüren. Unser Gehirn verarbeitet dabei auch Erinnerungen, Erwartungen, Gefühle und Erfahrungen. Wenn du beispielsweise schon mehrfach erlebt hast, dass deine Periode mit unerträglichen Schmerzen verbunden ist, kann diese Erwartung der nächsten Blutung Angst auslösen. Vielleicht bemerkst du, dass du deinen Bauch besonders aufmerksam beobachtest, bestimmte Bewegungen vermeidest oder dich kaum noch traust, etwas zu planen. Das ist zunächst eine verständliche Schutzreaktion. Gleichzeitig können Angst, Anspannung, Schlafmangel und anhaltender Stress die Schmerzempfindlichkeit zusätzlich erhöhen. So entsteht manchmal ein Kreislauf: Schmerzen führen zu Angst und Anspannung, die wiederum die Schmerzen verstärken können. Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass deine Gedanken die Ursache deiner Endometriose sind. Vielmehr beeinflussen sich körperliche und psychologische Prozesse gegenseitig. Und genau darin liegt auch eine Chance: Unser Nervensystem ist lernfähig und kann sich durch neue Erfahrungen wieder verändern.
Drei Wege, wie du dein Schmerzgedächtnis beeinflussen kannst
1. Schmerzen frühzeitig und ausreichend behandeln. Wiederkehrende, starke oder schlecht kontrollierte Schmerzen können eine Sensibilisierung des Nervensystems begünstigen. Deshalb ist es wichtig, Schmerzen nicht einfach auszuhalten. Besprich mit deinen behandelnden Ärztinnen, welche medikamentösen und nicht-medikamentösen Möglichkeiten für dich sinnvoll sind. Dazu können beispielsweise eine passende Schmerztherapie, Wärme, TENS oder physiotherapeutische Behandlung gehören. Eine gute Schmerzbehandlung kann die Belastung des Nervensystems reduzieren, auch wenn sie ein Schmerzgedächtnis nicht immer verhindern kann.
2. Deinem Körper neue, sichere Erfahrungen ermöglichen. Wenn du über längere Zeit Schmerzen hast, kann es passieren, dass du immer mehr Bewegungen und Aktivitäten vermeidest. In der Therapie arbeiten wir deshalb unter anderem daran, wieder Vertrauen in deinen Körper aufzubauen. Das kann bedeuten, Bewegungen in kleinen, gut verträglichen Schritten auszuprobieren, angenehme Körperempfindungen bewusster wahrzunehmen oder Entspannungstechniken einzusetzen. Entscheidend ist, dass du dich dabei nicht überforderst. Dein Nervensystem darf schrittweise lernen, dass nicht jede Bewegung und nicht jede Körperempfindung eine Gefahr bedeutet.
3. Angst vor Schmerzen therapeutisch bearbeiten. Vielleicht kennst du Gedanken wie: „Was, wenn die Schmerzen morgen wiederkommen?“ oder „Was, wenn es diesmal noch schlimmer wird?“ Solche Sorgen sind bei chronischen Schmerzen verständlich. In der psychologischen Schmerztherapie können wir lernen, anders mit diesen Gedanken umzugehen, die ständige Alarmbereitschaft zu reduzieren und Vermeidungsverhalten behutsam abzubauen. Besonders gut untersucht sind hierfür Verfahren der kognitiven Verhaltenstherapie und der Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT). Auch schmerzbezogene Ängste, belastende medizinische Erfahrungen und der Umgang mit Kontrollverlust können Teil der Therapie sein.
Das Wichtigste zum Schluss: Ein Schmerzgedächtnis ist kein unumkehrbarer Zustand. Unser Nervensystem bleibt ein Leben lang veränderbar. Du musst dafür weder deine Schmerzen ignorieren noch ständig positiv denken. Es geht darum, körperliche Schmerzen angemessen zu behandeln und gleichzeitig neue Erfahrungen mit deinem Körper zu ermöglichen.
Als Psychologin und Systemische Therapeutin begleite ich Frauen mit Endometriose und chronischen Schmerzen dabei, einen weniger angstvollen und selbstbestimmteren Umgang mit ihrer Erkrankung zu entwickeln. Wenn du dir dabei Unterstützung wünschst, kannst du ein kostenloses Erstgespräch mit mir vereinbaren.

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